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← Magazin 29. Mai 2026
Gravel · No. I

Die Gravel-Welle in DACH 2026 — zwölf Jahre nach Salsa Warbird, wo steht die Disziplin

Salsa Warbird und GT Grade haben 2014 in den USA eine eigene Renn- und Rad-Kategorie geöffnet. Eine Bilanz, was davon 2026 in der DACH-Praxis angekommen ist — und wo Gravel sich von Cyclocross weiterhin sauber abgrenzt.

Als Salsa Cycles aus Bloomington, Minnesota, im Frühjahr 2014 die erste Serienauflage des Warbird auf den Markt brachte und GT Bicycles fast zeitgleich das Grade mit den charakteristisch abgesenkten Sitzstreben vorstellte, gab es weder eine etablierte Reifenkategorie noch ein Renn-Format für die neue Disziplin. Beide Räder definierten Gravel als eigenständige Kategorie zwischen Cyclocross und Endurance-Rennrad — Drop-Bar, deutlich breitere Reifenfreiheit als ein UCI-CX-Renn-Rad, längerer Radstand, flacherer Lenkwinkel. Zwölf Jahre später ist Gravel im DACH-Markt die wachstumsstärkste Drop-Bar-Kategorie, und die Linie zum Cyclocross-Stamm, aus dem die Disziplin organisch entstanden ist, hat sich technisch und sportlich deutlich getrennt.

Cyclocross als UCI-formattes Gegenmodell

Cyclocross ist ein Renn-Format mit strikten UCI-Vorgaben. Die Reifenbreite ist auf 33 Millimeter limitiert, das Mindestgewicht des Rades liegt bei 6,8 Kilogramm — dasselbe Mindestgewicht wie im Straßenrennsport seit der UCI-Reform 2000. Das Renn-Format selbst — kurze Runden, hindernisreiche Strecke, vorgeschriebene Lauf- und Tragepassagen, Renndauer zwischen 40 und 60 Minuten — diktiert die Konstruktion: hoher Tretlager-Mittelpunkt für Hindernis-Übergänge, hohle Carbon-Rahmen mit Tragepassage-Verstärkungen am Oberrohr, schmale Drop-Bars mit ausgeprägter Flare-Geometrie nur in der jüngeren Generation. Die belgische Weltmeisterschaft im Februar und die UCI-Weltcup-Serie in den Niederlanden, Belgien und Tschechien definieren den sportlichen Höhepunkt der Saison.

Gravel hat keine solche Format-Beschränkung. Das Reifenmaximum liegt bei zeitgenössischen Rahmen zwischen 45 und 50 Millimetern; einige Rahmen — Salsa Cutthroat, 3T Exploro RaceMax — erlauben bis zu 57 Millimeter, was technisch in den 29er-Mountainbike-Bereich übergeht. Schwalbe G-One Allround, Continental Terra Trail und Vittoria Terreno Dry sind die in DACH meistverbauten Gravel-Reifenmodelle 2026. Die Carbon-Rahmen — Cube Nuroad, Stevens Camino, Canyon Grail, Rose Backroad — liegen bei Serien-Komplettrad-Konfigurationen zwischen 8,5 und 9,5 Kilogramm. Vom UCI-Mindestgewicht und damit von der Cyclocross-Disziplin trennt das Gravel-Rad ein Kilogramm — und die völlige Abwesenheit eines verbindlichen Reglements.

Suspension-Tendenz: Future Shock, RockShox Rudy und das Rutsch-Geländer

Eine der jüngeren Entwicklungen der Disziplin ist die Hinwendung zur leichten Federung — eine Linie, die in der Cyclocross-Welt aus Reglement-Gründen nicht beschritten werden kann. Specialized hat mit der Future-Shock-Plattform — einer im Steuerrohr verbauten Stahlfeder mit 20 Millimetern Federweg — die Linie für den Diverge-Rahmen 2017 eröffnet und mit der dritten Generation 2022 hydraulisch gedämpft. RockShox kontert seit 2022 mit der Rudy SL — einer kurzhubigen Federgabel mit 30 oder 40 Millimetern Federweg, in der Hinterhand der Reverb-Sattelstütze für Gravel-Geometrien. Lauf Forks aus Reykjavik mit Glasfaser-Blattfedern bleibt die Außenseiter-Lösung mit nennenswertem Marktanteil.

Die Suspension-Linie ist 2026 in DACH umstritten. Puristen — und die meisten Renn-Sportler — verzichten weiter auf jede Federung und vertrauen auf die Reifenbreite als einziges Komfortelement. Das macht Gravel zur einzigen modernen Drop-Bar-Disziplin, in der die technische Antwort auf die Frage „starr oder gefedert” noch nicht entschieden ist.

Die Renn-Szene: Unbound, Traka, Migration, Veneto

Die sportliche Verankerung der Disziplin läuft 2026 nicht über die UCI, sondern über einen Verbund kommerzieller Renn-Veranstalter. Unbound Gravel in Emporia, Kansas — bis 2020 unter dem Namen Dirty Kanza — bleibt das prestigeträchtigste Rennen mit der 200-Meilen-Distanz auf dem Flint Hills Limestone. The Traka in Girona, Katalonien, hat sich seit 2020 zur europäischen Spitzen-Veranstaltung entwickelt und führt 2026 die Distanzen 100, 200, 360 und 560 Kilometer im April. Das Migration Gravel Race im Maasai Mara, Kenia — initiiert 2021 von der amerikanischen Kommerz-Plattform The Pro’s Closet — hat eine eigene afrikanische Renn-Szene etabliert. In DACH-Nähe veranstaltet der Veneto Trail in Norditalien seit 2018 das prominenteste Bike-Packing-Format mit Gravel-Rad-Fokus.

Stand 2026 in DACH

Cube hat mit dem Nuroad C:62 Race die Marken-eigene Gravel-Linie zur Volumen-Linie ausgebaut. Stevens führt mit Camino und Camino EVO zwei Konfigurationen, eine mit Shimano GRX 12-fach, eine mit SRAM Force XPLR AXS. Canyon Grail bleibt mit der Doppel-Deck-Geometrie der ersten Generation auf dem Markt umstritten, hat aber 2024 die Geometrie konventionalisiert. Rose Backroad und Standert Erdgeschoss bedienen den deutschen Direkt-Vertrieb. Riese & Müller — als E-Bike-Spezialist — hält sich aus der Gravel-Linie heraus; das ist die saubere Demarkation des DACH-Marktes 2026.


Ressort: Gravel